Wer am Sonnabend die Pressekonferenz nach der 0:2-Heimpleite des Hamburger SV gegen den VfL Wolfsburg miterlebte, sah einen Peter Knäbel, der nüchtern eine Analyse vortrug ‒ so, wie ein Technischer Direktor es tun sollte. Allerdings schien Knäbel jedes Feuer, jede Leidenschaft zu fehlen. Kann so ein Mann eine taumelnde Mannschaft, die in der Ersten Bundesliga mit allem, was sie hat, um den Klassenerhalt kämpfen muss, als Trainer führen und motivieren? „Nein“, sagten sich nun offensichtlich die Verantwortlichen des taumelnden Bundesliga-Dinosauriers ‒ und gaben am Mittwochvormittag nur drei Wochen nach Knäbels Inthronisierung als Coach offiziell bekannt, dass Bruno Labbadia (49) mit sofortiger Wirkung das Traineramt übernimmt. „Labbadia unterschrieb in der Nacht zu Mittwoch einen Vertrag für 15 Monate, der ligaunabhängig ist“, hieß es in der Pressemitteilung des HSV. Als Co-Trainer steigt Eddy Sözer (46) an der Elbe ein.
„Wir wollen im Kampf um den Klassenerhalt einen Impuls setzen und sind froh, dass wir mit Bruno Labbadia einen starken und auch im Abstiegskampf erfahrenen Trainer verpflichten konnten“, erklärte Dietmar Beiersdorfer (51), Vorstandsvorsitzender des HSV, nach der Verpflichtung. Knäbel, der nach zwei Spielen auf der Trainerbank (null Punkte und 0:6-Tore, allerdings auch gegen den Tabellen-Zweiten Wolfsburg und beim Rang-Vierten TSV Bayer 04 Leverkusen) in seine Position als Direktor Profifußball zurückkehrt, wurde in der Mitteilung wie folgt zitiert: „Wir haben nach der Heimniederlage gegen Wolfsburg gemeinsam alles auf den Prüfstand gestellt und haben die offene Trainerfrage für die kommende Saison als eine Kernfrage identifiziert, die auch Einfluss auf die aktuelle Spielzeit nimmt. Es geht um den HSV, und wir sind gefragt, die bestmöglichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich unsere Chancen auf den Klassenverbleib erhöhen. Das haben wir gemacht.“
Labbadia, der um 13 Uhr in einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt wird, leitet bereits am Mittwoch seine erste Trainingseinheit und wird am Sonntag, 19. April im Nord-Derby beim SV Werder Bremen (Anpfiff: 15.30 Uhr im Weserstadion), für den er vom Januar 1996 bis zum Juni 1998 auf Torejagd ging, auf der Trainerbank sitzen. Der gebürtige Darmstädter, der zuletzt vom Dezember 2010 bis zum August 2013 den VfB Stuttgart betreute, gab sich gleich kämpferisch: „Ich erwarte volle Hingabe und Leidenschaft aller Beteiligten in den kommenden Wochen. Wir müssen uns jetzt schnell ein Erfolgserlebnis erarbeiten!“ Beiersdorfer betonte ebenfalls, dass der Kampf um den Klassenerhalt, bei aktuell zwei Zählern Rückstand auf den Relegationsrang und vier Punkten hinter dem zur Rettung genügenden 15. Platz, noch lange nicht verloren sei: „Wir wissen um unsere heikle sportliche Lage ‒ aber wir wissen auch, dass die Saison erst nach 34 oder 36 Spielen zu Ende ist“, sagt Beiersdorfer.
Im Juli 2009 waren Labbadia und Sözer schon einmal beim HSV eingestiegen, aber nach nur zehn Monaten am 26. April 2010, also vor fast fünf Jahren, beurlaubt worden (SportNord berichtete, siehe unten stehenden Link). Zuvor hatte Labbadia die Hamburger in der UEFA-Europa-League ins Halbfinale geführt, wo das entscheidende Rückspiel beim FC Fulham drei Tage nach seiner Beurlaubung unter der Regie von Interimstrainer Ricardo Moniz mit 1:2 verloren ging und der HSV die Teilnahme am Heim-Finale verpasste. Zudem war die Saison 2009/2010 die erste, an deren Ende sich die „Rothosen“, nach zuvor fünf Jahren in Folge in einem internationalen Wettbewerb, nicht mehr für den Europapokal qualifizierten, was ein Grund für die heutigen finanziellen Probleme ist. Die Gerüchte über die Gründe, die seinerzeit zur Trennung von Labbadia führten, sollen an dieser Stelle nicht näher erörtert werden, zumal mit Maximilian Beister (24) und Marcell Jansen (29) nur zwei Spieler, die damals schon dem HSV-Kader angehörten, heute noch an der Elbe kicken.
Erlaubt sein muss allerdings die Frage, warum der HSV sich nicht schon vor drei Wochen, als Joe Zinnbauer (44) nach nur einem halben Jahr als Coach der Ersten Mannschaft gehen musste (SportNord berichtete), auf Labbadia, der zu diesem Zeitpunkt auch schon auf dem Markt und Gerüchten zur Folge ein Trainer-Kandidat war, zurückgriff. Dann hätte Labbadia nicht nur zwei Spiele mehr gehabt, um Punkte zu holen, sondern sein neues Team in der Länderspiel-Pause auch besser kennen lernen können ...
Nun sind Sie, liebe Leser, gefragt: In der aktuellen SportNord-Umfrage können Sie darüber abstimmen, ob Sie glauben, dass Labbadia den HSV noch zum Klassenerhalt führt ...