Zweite Bundesliga: Marmoush und Mees treffen im Derby
09.01.2021

Omar Marmoush (links), der bei seinem Heim-Debüt im St. Pauli-Trikot gleich traf, enteilt hier dem Kieler Kapitän Hauke Wahl.
Im Januar 2009 hatten die Verantwortlichen des Hamburger SV kurz vor dem Ende der Winter-Transferperiode fünf Spieler verpflichtet, drei davon leihweise. Ähnlich aktiv wurde knappe elf Jahre später Andreas Bornemann, der als Sportlicher Leiter des FC St. Pauli kurz vor Weihnachten den zuvor vereinslosen Adam Dzwigala holte, ehe er Anfang Januar drei weitere Spieler per Leihe an den Kiez lotste. Während der erst am Donnerstag vom KAA Gent losgeeiste Eric Smith am Sonnabend, einen Tag nach seinem 24. Geburtstag, noch nicht im Kader war, standen Torwart Dejan Stojanovic (vom FC Middlesbrough) und Stürmer Omar Marmoush (VfL Wolfsburg) in der Start-Elf, als die St. Paulianer auf Holstein Kiel trafen.

Der gebürtige Hamburger Svend Brodersen nahm nur einen Monat, nachdem er Robin Himmelmann vom Posten zwischen den Pfosten verdrängt hatte, und acht Gegentreffern in vier Partien auf der Ersatzbank, die im Millerntor-Stadion auf die Tribüne hinter den Trainerbänken „verlegt“ worden war, Platz. Von dort aus sah der 23-Jährige, eingehüllt in eine dicke Decke, eine muntere Partie. Nachdem der Kieler Alexander Mühling einen Freistoß in die Ein-Mann-Abwehrmauer, bestehend aus Finn Ole Becker, gejagt (5. Minute) und Marmoush nach einer guten Balleroberung gegen Gäste-Kapitän Hauke Wahl einen Haken zu viel gemacht hatte (6.), gab es nach acht Zeigerumdrehungen die erste Chance für die Heim-Elf. Becker fing einen für Jae-Sung Lee gedachten Pass der „Störche“ ab, woraufhin die Hamburger einen guten, schnellen Angriff vortrugen, an dessen Ende der agile Marmoush von halblinks aus knapp am langen Pfosten vorbeischoss. Video-Schiedsrichter Christof Günsch (vom SV Reddighausen) überprüfte kurz, ob ein Handspiel vorlag, entschied dann aber auf Weiterspielen.

Nach zehn Minuten hatte Stojanovic seine erste Bewährungsprobe, als er einen von Johannes van den Bergh von links abgegebenen Schuss sicher fing. Zwei Zeigerumdrehungen später meinte es Referee Frank Willenborg (SV Gehlenberg) dann gut mit dem Keeper, als er nach einem Eckstoß, den der Österreicher weggeboxt hatte, auf Freistoß für ihn entschied. Bei der ersten guten Gäste-Gelegenheit war Stojanovic dann im Glück: Der Kieler Fin Bartels flankte vor Dzwigala von links in die Mitte, wo Janni Serra den Ball im Laufduell mit Daniel Buballa in seine Hacken bekam und letztlich knapp am rechten Pfosten vorbei lenkte (14.). Das Duell zwischen dem Vorletzten und dem Tabellen-Zweiten war auch in der Folge ausgeglichen, phasenweise sogar mit Vorteilen für das Kellerkind, für das Marmoush nach einer schönen Balleroberung einen weiteren Torschuss abgab, den van den Bergh aber abblockte. Darauf folgten zwei Eckstöße für die Heim-Elf, die Leart Paqarada hereinbrachte: Den ersten klärten die Kieler mühevoll zu einer erneuten Ecke, den zweiten köpfte Guido Burgstaller ins Außennetz.

Die Hamburger hatten nun aber eine richtig gute Phase: Einen langen Pass fing KSV-Keeper Ioannis Gelios jedoch vor Marmoush (24.) und Burgstallers nächsten Kopfball schlug Stefan Thesker aus der Gefahrenzone (27.). Nach einer halben Stunde setzte Dzwigala ein Zeichen, als er den Ex-St. Paulianer Bartels, der links in der eigenen Spielfeldhälfte Fahrt aufnehmen wollte, entschlossen zur Seite abgrätschte. Darauf folgten drei mehr oder weniger aussichtsreiche Möglichkeiten für die Kieler. Erst köpfte Jonas Meffert einen Mühling-Eckstoß von links am kurzen Pfosten in das Außennetz (32.) und dann war Mefferts Abschluss nach Lees Querpass so lasch, dass Stojanovic mühelos parierte (33.), ehe nach einer weiteren Ecke ein Bartels-Fernschuss abgeblockt wurde und Serras aus sechs Metern abgegebener Nachschuss von Stojanovic im Nachfassen abgewehrt wurde (34.). Kurz vor der Pause haderten die St. Paulianer dann mit Willenborg, der van den Bergh nach einem erneuten Foul an Burgstaller nur ermahnte, aber die eigentlich fällige Gelb-Rote Karte stecken ließ (44.). Den ebenfalls verhängten Freistoß zirkelte Paqarada von halbrechts über das kurze Eck.

Holstein-Trainer Ole Werner reagierte in der Pause und brachte Marco Komenda für den am Rande eines Platzverweises stehenden van den Bergh. Sportlich eröffnete der auffälligste Akteur der ersten Halbzeit den zweiten Durchgang: Marmoush zog nach Beckers Vorarbeit von rechts ab, fand jedoch seinen Meister in Gelios (48.). Fünf Zeigerumdrehungen später war es dann aber soweit: Daniel Kofi Kyereh trieb den Ball von der Mittellinie aus gut nach vorne und passte dann nach rechts zu Marmoush, der ihn aus relativ spitzem Winkel so perfekt traf, dass er an Komenda vorbei von der Lattenunterkante in das Netz krachte – 1:0. Es fehlte nicht viel, und die Braun-Weißen hätten ihren Vorsprung sogar verdoppelt. Doch erst war Beckers Schuss von halblinks aus an Thesker vorbei zu harmlos, weshalb ihn Gelios mühelos begrub (55.). Dann ließ Marmoush mit einer frechen Körpertäuschung Lee, Thesker sowie Wahl aussteigen, wodurch er zwischen den Kielern Jannik Dehm und Komenda aus guter Position zum Schuss kam, mit seinem halbhohen Versuch aber an der rechten Schulter des herausstürzenden Gelios hängenblieb (57.).

Statt 2:0 hieß es dann nach einer guten Stunde 1:1, was wie folgt zustande kam: Nach einer Kieler Ecke von links gelangte der Ball zum rechts lauernden Bartels, der vom rechten Strafraumeck in die Mitte flankte, wo der frisch eingewechselte Joshua Mees am höchsten stieg und in das kurze Eck einköpfte (62.). In der Folge wogte die Partie hin und her, ohne dass es hüben oder drüben die ganz klaren Torchancen gab. Erst in der Schlussphase erhöhten die Hamburger noch einmal den Druck, woraufhin Werner seine Schützlinge lautstark aufforderte: „Ihr müsst Angebote schaffen und besser nachschieben.“ Die letzten Aktionen im Derby gehörten aber den Hausherren: Eine Flanke von Rodrigo Zalazar fing Gelios (84.), Becker fand nach einem Duell mit Gelios im Gäste-Strafraum keinen Mitspieler (88.) und dem eingewechselten Maximilian Dittgen versprang in guter Position das Spielgerät (89.). Auch in der Nachspielzeit gelang den Hamburgern, obwohl sie noch einmal einen Frei- sowie einen Eckstoß hatten, das 2:1 nicht mehr.

So wartet das Team von St. Pauli-Trainer Timo Schultz weiter auf seinen zweiten Saisonsieg und ist nun schon seit 13 Runden ohne dreifachen Punktgewinn. Was Mut macht, ist neben der klaren Leistungssteigerung im Vergleich zu den vorherigen Auftritten und dem guten Auftritt der Leihspieler ein Blick in die Geschichte: Am Ende der Saison 2008/2009 schaffte der HSV mit seinen besagten fünf Winter-Neuzugängen als Tabellen-Fünfter der Ersten Bundesliga die Qualifikation für die UEFA-Europa-League.

Link: SportNord-Bericht vom 14.12.2020 über das 2:2-Unentschieden des FC St. Pauli gegen Erzgebirge Aue

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